Neue alte Zeiten

Meine ersten Erfahrungen darin Texte zu aktuellen Fragen zu schreiben, habe ich für das Kirchenmagazin Mittendrin gesammelt. Angesichts dieser ungewöhnlichen Zeiten der Veränderung möchte ich an dieser Stelle einige Gedanken teilen, war es bedeutet in neuen alten Zeiten zu leben

„Warum ist etwas da, was da vorher noch nicht war?“, fragt die Acapellagruppe Wiseguys. „Hm das hat bestimmt einen Grund, vielen Dank für diesen Fund.“ Plötzlich von einem Moment auf den anderen kann alles anders sein, denn nichts ist so beständig wie der Wandel. Das wusste schon der griechische Philosoph Heraklit von Epheseus.

Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen.

Heraklit von Epheseus

Allerdings bestimmte lange Zeit ein unverrückbares, statisches Bild das Verständnis der Welt. Demnach war der Lebensweg eines jeden Menschen von Geburt an vorgezeichnet. Waren die Eltern Leibeigene so waren es auch die Nachkommen, war man Kind eines Adeligen so wurde man auch Lehensherr. Jedes Lebewesen bleibe immer so wie es ist unveränderlicher Bestandteil der Schöpfung. Veränderungen wurden stets durch äußere Einflüsse erläutert wie die Kataklysmentheorie des französischen Naturwissenschaftlers George Cuvier (1769-1832). Abgeleitet vom griechischen Wort für Sinnflut wäre die Welt durch Überschwemmungen immer wieder zerstört und durch einen göttlichen Bauplan neu geschaffen worden. 

Spätestens die aufkommende Industrialisierung mit ihren raschen, stetig neuen Realitäten ließ diese alten Erwartungshaltungen aufbrechen. Vollzogen sich Veränderungen früher über Generationen erfuhren die Menschen diese nun tagtäglich aufs Neue in ihrer eignen Lebenswirklichkeit. Alte Sicherheiten gingen verloren und neue waren noch unsicher. Es galt nicht mehr sich dem Schicksal zu ergeben, sondern es selbst in die Hand zu nehmen. Von nun an bestimmen die evolutionären Prinzipien der Anpassung, der Auslese und der permanenten Spezialisierung das Weltgeschehen. Neue Ideen, neue Technologien, bis heute prägt der Gedanke nach Fortschritt und stetiger Verbesserung unsere Gesellschaft. Warum einfach, wenn es immer komplizierter werden muss? Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Aber dieser Fortschrittsgedanke widerspricht sich selbst, ist er doch sein eigener Rückschritt. Jede neue Entwicklung erschafft neue Widersprüche, jede These ist sich selbst die Antithese. Jedes Mal aufs Neue steht die Menschheit vor der Aufgabe diese Widersprüche zu lösen.  

Hierzulande musst du so schnell rennen wie du kannst, um am gleichen Fleck zu bleiben.

Alice im Wunderland

Auf diese Weise schreibt sich der Mensch seine eigene Geschichte, ohne es zu wissen, wie Karl Marx erkannte. Die Moral jeden Zeitalters ist immer: „Wir machen nicht alles anders, aber vieles besser.“

„Früher war selbst die Zukunft besser“, bedauerte einst der Komödiant Karl Valentin. Angesichts der großen Umwälzungen und ungelösten Fragen unseres globalen digitalen Zeitalters sehnen sich viele die vermeintlich „gute alte Zeit“ zurück. „Denn es war noch vieles in Ordnung damals“, wusste das königlich bayerische Amtsgericht. Zumindest erinnern oder möchten sich viele, die die Welt nicht mehr verstehen (möchten), daran erinnern oder wie es die Band Juli formuliert:„Es war ne geile Zeit, doch es tut mir leid, es ist vorbei“ Der Naturwissenschaftler Albert Einstein pflichtet dem bei:  „Menschen, die wie wir an die Physik glauben, wissen, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine Illusion ist.“ Anders ausgedrückt mit den Worten eines nicht weniger einflussreichen Philosophen unserer Zeit stellt Homer Simpson  erstaunt fest: „ Das ist nicht die Zukunft. Das, worin wir leben, ist das Jetzt.“ 

Früher war selbst die Zukunft besser

Karl Valentin

Dieses Jetzt ist von Krisen geprägt. Ein Blick in die Medien genügt, es scheint als ob die Krise zum täglichen Superlativ unserer Zeit geworden ist. Ob Flüchtlingskrise, Wirtschaftskrise oder Glaubenskrise sie bieten durchaus Anlass von den gesellschaftlichen Institution zu flüchten, davon zu rennen. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst“, so lautet die Rote Königin Hypothese, benannt nach der Königin aus „Alice im Wunderland.“ Das 21. Jahrhundert mit seinen technischen neuen Möglichkeiten verändert alles.

„Que sera, que sera, wer weiß was diese Zukunft bringen wird?“ Die derzeitigen Migrationsströme führen uns täglich die neuen globalen Veränderungen mit ihren ungelösten Fragen vor Augen. Damit sind auch viele Unsicherheiten, Ängste um errungene und liebgewonnene Sicherheiten verbunden. Viele treibt die Sorge um, in welchen Land wir in Zukunft einmal leben werden. Werden wir auch morgen noch in einem freiheitlich demokratischen Land leben können?

Aber nur wer sich ändert, der kann so bleiben wie er ist, das ist Kern der Roten Königin Hypothese . Unser Welt, wie wir sie erleben, verändert sich immer schneller und schneller.  Ein immer größerer Forschrittsgedanke und Streben nach stets noch besserem sind Sinnbild für unsere sich immer rascher wandelnden Welt.  Ein immer größerer Wettbewerb  und steigende Unsicherheit sind die Widersprüche dieser „schönen neuen Welt“.  Jeden Tag erschüttern uns die Berichte über Armut, Gewalt und Haß, der stets schlimmer zu werden scheint.  Jeden Tag wird der Handlungsbedarf größer, doch die Zeit sie rennt uns davon und wir hetzen hinterher. Aber wo sollen wir hinrennen? Ideologien, Utopien, sie sind im wahrsten Sinne des Wortes kein Ort, an den wir flüchten könnten. Die Zeit rennt uns davon und wir bleiben ratlos zurück. Was kann der Einzelne schon ausrichten?

Das ist nicht die Zukunft. Das worin wir leben ist das Jetzt.

Homer Simpson

Vielmehr denn je ist es daher entscheidend das Wort Krise in seiner ursprünglichen Bedeutung vom griechisch κρίσις für Entscheidung zu begreifen. Heute ist vieles anders als es früher einmal war und wie es einmal sein wird. Daher ist es wichtig selbst aktiv zu werden. „Ich glaube Gefahren warten nur auf, die nicht auf das Leben reagieren“, ermahnte einst Michael Gorbatschov. Es liegt an jedem einzelnen immer wieder nicht nur von einer besseren zu träumen, sondern sie immer wieder aufs neue wahrzumachen. Denn wie ermunterte der indische Staatsgründer Mahatma Gandhi: „ Sei selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt.“

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