Wer bin ich, wenn „wir“ das Volk sind? – Wir werden Deutschland!

Wohl kaum ein Tag beschreibt besser die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte als der 9.Novemberg. Allerdings was und wer ist deutsch, wenn wir alle Deutschland sind? Wohl keine Frage ist mehr mit Deutschland verbunden als diese deutsche Frage.

Nichts ist mehr typisch als die Frage, was ist deutsch?

Die Suche beginnt!

Wir sind auf der Suche, aber es hat jemand schon gefunden? Wir wollen wissen, wer wir sind und wofür wir sind. Die Antwort scheint so einfach wie klar. „Dem deutschen Volke“ so steht es in goldenen Lettern über dem Portal des Reichstag geschrieben. Aber was ist deutsch? Wer ist deutsch? Was ist das deutsche Volk? Wohl nichts ist typisch deutscher als die Frage nach der deutschen Identität und Seele. Bin ich über der Landesgrenze, so bin ich Deutscher. Bin ich in Deutschland, ja wer bin ich eigentlichen, bin ich gar allein mit dieser Frage? Die deutsche Gruppe „Die Prinzen“ postulierte einmal: “ Das alles ist Deutschland! Das alles sind wir!“ Aber wer bin ich, wenn wir Deutschland sind? Wer dieses Land kennenlernen möchte, wird auf viele unterschiedliche Namen stoßen: Allemagne, Germany, Tyskland, Saksa. Alle diese Begriffe sprechen von der historischen Vielseitigkeit innerhalb der deutschen Landen. Wenig schmeichelhaft, doch gebräuchlich ist sicherlich auch die Bezeichnung Teutonen, welche nicht nur heute an den Stranden des Südens, sondern auch früh in der Geschichte aufgefallen sind.

Niemand weiß genau, woher dieses mysteriöse Volk kam, dem bereits die Römer spätestens seit der sagenumwobenen Varusschlacht mit Ehrfurcht und Argwohn zugleich begegnet sind. Niemand scheint ebenso genau sagen zu können, was als nächstes kommen wird, wie es mit diesem sonderbaren „deutschen Volk“ in Zukunft weitergehen soll in dieser globalen Welt. Nicht wenige wünschen sich angesichts dieser schwierigen Frage, dass einfach alles so wird, wie es früher einmal war. Gehen wir also zurück, gehen wir ganz zum Anfang zurück, als sich jemand auf die Suche machte Antworten auf die „deutsche Frage“ zu finden. Deutsch leitet sich von dem altgermanischen Wort thiutisk ab, das sich heute noch im isländischen þjóð für Volk wiederfindet. In diesem Sinne bedeutet deutsch ursprünglich schlicht „Volk“ oder noch genauer „zum Volk gehörend“. Angesichts des Falls der Berliner Mauer, des Endes der Teilung in Ost und West schien endlich eine Antwort auf diese schwierige Frage gefunden worden zu sein.

Die Menschen skandierten auf den Straßen von Leipzig, Dresden, Berlin: „Wir sind das Volk“. Bald wurde die Antwort lauter, als diese Menschen anfingen zu rufen: “Wir sind ein Volk!“. Heute erklingen an diesen historischen Plätzen wieder die gleichen Rufe „Wir sind das Volk!“ Allerdings sind heute ganz neue alte Töne in Deutschland zu vernehmen.  Während die einen auf die Straße gehen, dafür zu demonstrieren in ihren Augen die Welt zu retten, gehen andere auf die Straße, demonstrieren gegen eine Welt, die sie nicht mehr verstehen. Dazwischen jene mit Wurzeln in aller Welt, die sich in Deutschland neue Perspektiven erhoffen oder erhofft haben. Wir sind das Volk! Aber wer ist wir und wer ist das Volk? Wer gehört zu Deutschland?

Damit Deutschland auch weiterhin Deutschland bleibt“ postulieren besonders laute politische Kräfte, die stets davon sprechen auf einer Mission zu sein sich „unser Land wiederzuholen“. Gehören die deutsche Landen also nur jenen, die dazugehören oder auch jenen die dies wollen? Bereits als Kind in der Schule habe ich gemerkt, dass sich verschiedene Cliquen gebildet haben, die etwas gemeinsam hatten, gemeinsam etwas unternommen, bestimmte Sonderrechte hatten. Manche habe ich so sehr bewundert, da sie schier unerreichbar waren, ich unbedingt Mitglied dieser Cliquen werden wollte, einfach vieles dafür getan hätte, schlichtweg dazuzugehören.

Gehöre ich dazu?

Nehme ich heute meinen Geldbeutel zur Hand und hohle eine kleine Karte mit meinem Bild darauf hervor, so könnte ich den Eindruck haben, endlich habe ich es geschafft. Endlich gehöre ich dazu, denn auf dieser Karte steht in kleinen Buchstaben geschrieben: „Bundesrepublik Deutschland“ Diese kleine Karte, mein Personalausweis, sichert mir das Recht zu, in Deutschland zu studieren, zu arbeiten, zu wählen, gewählt zu werden, schlichtweg hier zu leben. Aber mal ganz ehrlich, was habe ich dafür tun müssen, um dazuzugehören, außer hier geboren worden zu sein und älter zu werden? Nehme ich diese kleine Karte wieder zur Hand, so entdecke ich neben meinen Namen noch etwas geschrieben: „Geburtstort Nürnberg“ Eigentlich sollte damit alles klar sein, dieses kleine Dokument beweist wer ich bin, zeigt meine Identität. Eigentlich, denn immer wieder sprechen mich Einheimische denen ich begegne in Nürnberg selbst an, woher ich den ursprünglich stammen würde, da ich nicht den lokalen Dialekt spreche. Sicherlich mag das fränkische nicht nach jedermanns Ohren und Geschmack sein, allerdings hinterlassen diese Art von Erlebnissen bei mir einen besonders nachdenklichen Beigeschmack.   

Wird man als deutscher geboren, wird man dazu gemacht oder kann man es werden?

Lange Zeit schien die Antwort eine klare Sprache zu sprechen. Deutsch war schlicht jede Person, welche deutsch sprach, oder wie es der Dichter Ernst Moritz Arndt formulierte: „Was ist des Deutschen Vaterland? So nenne mir das große Land! Soweit die deutsche Zunge klingt“! Allerdings stellte sich die Frage erst, als aus den deutschen Landen Deutschland werden sollte. Darauf schien die Antwort im Blut zu liegen. Deutsch war jede Person, deutschen Blutes, sprich jene, deren Vorfahren bereits auf welche Weise auch immer die Zugehörigkeit zum deutschen Volke erworben hatte. Mittlerweile liefert das Grundgesetzt in Artikel 116 eine neue Antwort: „Deutscher im Sinne des Grundgesetztes ist […] wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt!“

Diese Definition trifft heute auf knapp 72 Millionen Menschen, dies sind 87,2% der 83 Millionen Menschen zu, welche in Deutschland leben. Aber nicht alle davon sind in Deutschland geboren, hat etwa jeder zweite in Nürnberg seine Wurzeln in einem anderen Land. So einfach wie klar scheint das Grundgesetz endlich gefunden zu haben, wonach wir suchen. Formal gesehen ist somit jede Person deutsch, welche einen deutschen Personalausweis besitzt. Nur gehören diese Menschen auch emotional zu diesem besonderen Gebilde Deutschland?  Wären meine Eltern aber nicht aus Bayern, sondern aus Bulgarien oder gar aus der Türkei oder Syrien, würden mich sogenannte „Biodeutsche“ auch als Deutschen, als Teil des deutschen Volkes wahrnehmen und als solchen behandeln? Während ich so vor mich hin überlege, betrachte ich erneut meinen Personalausweis und beginne plötzlich eines festzustellen. Unterhalb der Aufschrift Personalausweis finden sich eine englische Übersetzung als Identity Card sowie eine französische Carte d´ Identité. Ist dies wirklich identisch damit wer ich bin?

Identitäre Bewegungen versuchen diesen schwierigen Begriff der Identität für ihre Zwecke zu vereinnahmen. In ihrer Vorstellung sei die eigene Identität, damit auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, einem bestimmten Volk, bereits durch die Geburt für immer und unveränderlich bestimmt. „Deutschland über alles in der Welt“, propagieren sie ein Weltbild, welches die vermeintlich einmalige eigene Volkszugehörigkeit über die anderer Kulturen stellt. Dieses Volk müsse vor fremden Einflüssen geschützt werden, am besten durch neue Grenzen. Allerdings ist Deutschland nicht allein in dieser Welt, aber zentraler Teil einer globalen Welt. Wohl kein anderes Volk, als das deutsche Volk hat in seiner Geschichte sosehr den Irrsinn von Grenzen bewiesen und denn Willen diese zu überwinden um als Volk zusammenzugehören.

Aus Herkunft wird Zukunft

Heute führen viele Wege in das vereinte Deutschland in einem vereinten, grenzenlosen Europa. Diese Wege werden von Menschen aus aller Welt begangen, welche diese aus den unterschiedlichsten Gründen in das Land im Herzen unseres Kontinents führen. Noch immer spaltet das kontroverse Thema Einwanderung und Integration die öffentliche Meinung. Wahlerfolge progressiver Parteien im Westen, Wahlerfolge reaktionärer Parteien im Osten, lassen durchaus fragen: „Wir sind ein Volk! Was für ein Volk sind wir eigentlich wirklich?“

Wem ist diese Frage gewidmet? Die Antwort ist so einfach wie klar, dem deutsche Volke. Angesichts der neuen Rolle Europas in einer immer komplexeren globalen Welt, sowie eines erneuerten Deutschlands in dessen Mitte, angesichts neuer globaler Spannungen, angesichts neuer globaler Rivalitäten, angesichts des Klimawandels sowie angesichts der stetig wachsenden Mobilität und Migration, ist diese Frage vielleicht nicht mehr ganz aktuell. Identität ist ein dynamischer Prozess, der sich identisch wie seine Umwelt stetig ändern und verändern kann, oder wie der Berliner sagen würde: „Berlin, du bist dazu verdammt zu werden, nie zu sein!“ Anstelle zu fragen, wer sind wir als deutsches Volk sollten wir uns allen voran eines ganz zentral fragen: “Wer wollen wir als deutsches Volk in Zukunft sein?“

Deutsch, dies bedeutet dem deutsche Volke zugehörig. Was also ist das deutsche Volk und wer gehört dazu? Immer noch scheint dieser Frage mit einer Gegenfrage begegnet zu werden: „Woher kommst du?“ Allerdings sollte die Antwort eher in folgender Frage gefunden werden: „Wohin willst du in Deutschland? Was bist du bereit zu geben, um dazugehören zu wollen?“ Viele haben ihre Wurzeln in einem anderen Land, sind aber in Deutschland fest verwurzelt.  Deutsch ist heute keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage der gemeinsamen Zukunft. Hierfür braucht es gemeinsame Zukunftsvisionen in Ost und West als auch in Nord und Süd.

Nichts ist deutscher als die deutsche Frage selbst. Wer wollen wir in Europa und in der Welt sein?  Dichter und Denker, Diktaturen und Demokratien versuchten ihre Antworten zu finden. Niemand mag genau wissen, woher die Deutschen einmal kamen. Die Wurzeln dieser Nation fallen ins Reich der Mythen und Legenden. Was wir als vereinigtes deutsches Volk wissen müssen, wohin wir als Deutschland in Zukunft gehen wollen in Einigkeit, Recht und Freiheit.

Nicht nur nach der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer, sondern auch heute gilt.
Es wächst zusammen, was zusammengehört, denn wir sind das deutsche Volk, da wir trotz unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Religionen eines wollen: zusammen zu gehören.

 Wer sind wir? Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk!  Werden wir Deutschland!

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